Die Wut auf die Diktatur ist stärker als die Angst
Es brodelt gewaltig in Tunesien: Seit sich im Dezember ein Mann aus purer Verzweiflung über Armut und Repression angezündet hat, demonstrieren überall im Land Menschen für mehr Gerechtigkeit und riskieren dabei ihr Leben. Es ist die bislang schwerste politische Krise für Präsident Ben Ali, der seit 1987 mit autoritärer
- 7 يناير 2011
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Es brodelt gewaltig in Tunesien: Seit sich im Dezember ein Mann aus purer Verzweiflung über Armut und Repression angezündet hat, demonstrieren überall im Land Menschen für mehr Gerechtigkeit und riskieren dabei ihr Leben. Es ist die bislang schwerste politische Krise für Präsident Ben Ali, der seit 1987 mit autoritärer Härte regiert. Sein Bild als großer Macher des Wirtschaftswunderlands Tunesien bröckelt.
Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika
Als der Sarg aus dem Auto gehoben wird, gibt es in Sidi Bouzid kein Halten mehr. Es ist der Sarg mit dem Leichnam von Mohamed Bouazizi. Tausende geballte Fäuste strecken sich in die Luft. "Adieu Mohamed", skandiert die Menge. "Wir werden dich rächen!" Es ist das letzte Geleit für einen arbeitslosen Hochschulabgänger, der zum Märtyrer geworden ist. "Mohamed hat Obst und Gemüse verkauft, um davon Bücher bezahlen zu können" sagt einer seiner engsten Freunde. "Er wollte doch wieder studieren - und seine Familie unterstützen."
Mohamed Bouazizi wurde nur 26 Jahre alt. In Sidi Bouzid, 250 Kilometer südlich der Hauptstadt Tunis, verdiente er sein Geld als Gemüsehändler. Als die Polizei ihm seine Waren wegnimmt und ihn misshandelt, übergießt er sich vor dem Rathaus mit Benzin - und zündet sich an. "Schluss mit der Armut! Schluss mit der Arbeitslosigkeit!" schreit er dabei. Andere folgen seinem Beispiel. Ein junger Mann springt Tage später von einem Hochspannungsmast und stirbt durch einen Stromschlag.
Als fliege ein Dampfkochtopf in die Luft
Seitdem kommt es überall im Land zu spontanen Demonstrationen. Ein Student sagt, es sei, als fliege ein Dampfkochtopf in die Luft, weil er zu lange unter zu großem Druck stand. Für den Menschenrechtsaktivisten Abdelwahab El Hani war das nur eine Frage der Zeit: "Wir haben 13 Prozent Arbeitslosigkeit, aber die Zahlen sind im Landesinneren wesentlich höher, teilweise über 70 Prozent", sagt El Hani, der im Pariser Exil lebt. "80.000 Tunesier haben gerade ihr Studium beendet. Diese Leute brauchen Jobs - und das ist eine Riesenherausforderung für die Regierung!"
Eine Herausforderung, an der die Politiker längst gescheitert sind, findet El Hani - allen voran Dauer-Präsident Zine al Abidine Ben Ali, seit 23 Jahren eisern an der Macht. Ben Alis harter Kurs beschere Tunesien zwar insgesamt ein stabiles Wirtschaftswachstum - nur sei es durch Repression teuer erkauft. Außerdem habe nur eine kleine korrupte Elite etwas davon. Tunesiens blühende Landschaften seien nur potemkinsche Dörfer an der Mittelmeerküste.
Präsident verspricht Aufbau der verarmten Provinzen
Der Präsident reagiert auf seine Weise: Er besuchte den verbrannten Mohamed Bouazizi vor dessen Tod im Krankenhaus und entließ einen Minister als Bauernopfer. Doch das reicht nicht. Im Fernsehen wendet er sich an sein Volk, das ihm plötzlich nicht mehr gehorchen will, und verspricht vollmundig milliardenschwere Investitionen in den vernachlässigten Provinzen.
Und deutet an, wie die Staatsmacht auf weitere Demonstrationen zu reagieren gedenkt. So wie sie es immer getan hat: "Wir bedauern die Schäden, die durch die Ereignisse der letzten Wochen entstanden sind. Schuld daran sind feindliche Kräfte, Parteien, die die Menschen gegen ihr eigenes Land aufhetzen. Sie werden die Härte unserer Gesetze mit aller Macht zu spüren bekommen."
Das Volk hat die Nase voll, das Regime schlägt zurück: mit Gummiknüppeln, scharfer Munition und Tränengas. Über Blogs und anonyme Profile bei Facebook und Twitter werden immer neue Demonstrationen organisiert. Auch wenn es dabei immer wieder Tote gibt: Selbst regierungstreue Gewerkschafter, Ärzte, Postbeamte trauen sich auf die Straße, Anwälte treten in den Generalstreik.
"Ich denke, dass diese Bewegung jetzt erst richtig Fahrt aufnimmt", sagt die Menschenrechtsaktivistin und Anwältin Rhadia Nasraoui in Tunis. "Das Regime antwortet nur mit Gewalt, die Sicherheitskräfte machen Razzien in Schulen, Cafés und natürlich in den Redaktionen von Zeitungen. Wir protestieren gegen diese barbarischen Methoden!"
"Freiheit ist ein Mahnmal der Nation!", ist auf vielen Plakaten zu lesen, oder "Kein Wachstum ohne Freiheit!". Auf einmal ist die Wut auf die Diktatur stärker als die Angst vor Ben Ali. Doch von "Götterdämmerung" wagt in Tunesien noch keiner offen zu sprechen. Noch nicht.